Gerade habe ich mir ein neues Auto gekauft. Jetzt parke ich bei der Zulassungsstelle, nebenan gleich eine Polizei-Station. Ich steige aus, gehe zwei Schritte und hoppla … fällt mir ein, dass ich vergessen habe, das Auto abzuschließen. Also mache ich auf dem Absatz kehrt und …. was sehe ich? Sitzt doch ein Kerl in meinem neuen Auto und grinst mich fröhlich an.
Nun, es ist ja mein Auto, das sage ich dann auch, aber der Kerl sagt nur: “Ja und? Was willst du jetzt machen?”. Dann fängt er genüsslich vor meinen Augen an, den Wagen in seine Einzelteile zu zerlegen und die Teile zu Spottpreisen zu verkaufen. Ich arme Frau bin körperlich unterlegen, entsinne mich aber, dass hinter mir ja gleich die Polizei-Station ist. Ich drehe mich also um und sehe jede Menge Polizisten hinter den Scheiben, einer steht sogar in der Tür. Keiner von denen tut etwas.
“Ja, so helft mir doch!”, rufe ich verzweifelt, aber die meisten schauen weg oder gehen gar einfach an ihren Schreibtisch zurück. Einer meint: “Also wir mischen uns nicht ein, wenn ein Bürger mit einem anderen Geschäfte macht.”
Ein paar Passanten sehen das, viele kaufen die billigen Ersatzteile sofort. Ich spreche sie alle an und erkläre, das sei mein Auto. Einige antworten, dass das ja wohl nicht ihr Problem sei, und so billig bekämen sie die Teile sonst nirgendwo.
Einer kauft ein paar Teile und schenkt sie mir. Er meint, er könne nicht mehr tun, aber so sei mein Verlust nicht so groß.
Einige andere sprechen laut aus, was praktisch alle denken: der Kerl ist ein unverschämter Dieb.
Einer meint: “Es tut mir leid. Ich habe nicht gewusst, dass das Diebesgut ist. Ich bin bereit, dir die Teile, die ich gerade gekauft habe, für den gleichen Preis wieder zu verkaufen, auch wenn ich sie gut gebrauchen könnte. Oder ich verkaufe die Teile einfach weiter und schenke dir, was ich dabei an Gewinn mache.”
Ich kann nur zuschauen. Natürlich könnte ich versuchen, alle Teile zu kaufen und wieder zusammenzubauen. Aber dann hätte ich das Auto doppelt bezahlt.
Während ich noch große Warnschilder aufstelle, dass der Kerl mir das Auto gestohlen hat und niemand etwas kaufen sollte, geht der Verkauf munter weiter.
Warum erzähle ich das?
Nun, genau das passiert im Augenblick in Second Life mit Land.
Ich habe gestern Morgen für 2536 USD den Sim Bietschhorn gekauft. Während ich das Land in Grundstücke aufteilte und dabei auch gleich den Preis für jede Parzelle festlegte, crashte mein Client. Als ich wieder online war, waren fast 30.000 m2 für 6600 L$ an einen Paper Olivier, der sich selbst Land Baron Merlin nennt verkauft. Nicht jeder kann mit diesen Zahlen etwas anfangen. Eine Analyse zu den Sim-Auktionen findet ihr auf http://cosyhome.org/cgi-bin/auc_statistics/auction-stats.html. Zu den Zahlen: Ein Sim hat insgesamt 65.536 m2. 6600 Linden Dollar entsprechen bei einem Kurs von 269 einem USD-Wert von gut 24 USD. Ich hatte allerdings etwa 1250 USD für das Land bezahlt. Linden Lab lässt sich Land-Besitz auf dem so genannten Mainland sehr gut bezahlen. Ein Sim kostet zusätzlich monatlich 195 USD, die in jedem Fall zu zahlen sind, selbst, wenn man innerhalb von wenigen Tagen alles Land auf dem Sim wieder verkaufen kann. Damit muss ich die Hälfte davon (also ca. 100 USD) noch einmal zu den 1250 USD addieren, was 1350 USD ergibt. Der Sim muss direkt in USD bezahlt werden. Grundstücksverkäufe werden in der Regel aber in Linden Dollar abgewickelt.
Wenn ich also die Linden-Dollar wieder in US-Dollar umtauschen möchte, um die Investition auszugleichen, muss ich noch mal 3,5 Prozent Gebühren bezahlen, was weitere fast 50 USD sind. Am Ende bezahle ich also 1400 USD für die gestohlene Hälfte des Sims, habe als Gegenleistung aber nur 24 USD erhalten. Diese Rechnung basiert auf reinen Selbstkosten, ein Gewinn ist noch gar nicht berücksichtigt. Somit ist mein Verlust irgendwo zwischen 1400 USD und 2000 USD anzusetzen.
Natürlich habe ich sofort versucht, den Käufer (= Dieb) anzusprechen. Ich bat ihn, das Land auf keinen Fall weiter zu verkaufen, sondern mir zurückzugeben. Ihr könnt es euch denken: keinerlei Reaktion!
Natürlich habe ich mich sofort bei der Betreiber-Firma von Second Life beschwert: Linden Lab. Ihr könnt es euch denken: keinerlei Reaktion!
Natürlich habe ich mit jedem einzelnen der neuen Land-Besitzer gesprochen. Aber was kann ich erwarten, ich verstehe sie ja. Sie haben Geld für das Land bezahlt und sind sich keiner Schuld bewusst. Von ihnen kann ich das Land nicht zurückfordern.
Ich weiß nicht, ob ich beim Unterteilen einen Fehler gemacht habe, also das ganze restliche Land “for sale” gesetzt habe, ohne vorher eine Parzelle abzuteilen. Ich mache das zwar nicht zum ersten Mal, aber … ja, kann sein … vielleicht war es so. Vielleicht stand der Crash meines Clients auch nicht im direkten Zusammenhang mit der feindlichen Landübernahme, auch möglich, ich bin keine Technikerin. Es ändert aber nichts daran, dass es mein Land ist und mir gestohlen wurde.
Im Second Life Forum wurde ich fündig: die Thematik ist schon seit Wochen bekannt, und es gibt auch bereits mehrere Geschädigte … einschließlich der berühmten Anshe Chung (dies habe ich aber bisher nicht persönlich überprüft!). Was macht Linden Lab dagegen? Gar nichts!
Einige URLs:
* http://forums.secondlife.com/showthread.php?t=176533
* http://forums.secondlife.com/showthread.php?p=1468162
* http://www.slexchange.com/modules.php?name=Forums&file=viewtopic&t=12066&postdays=0&postorder=asc&start=0
* http://www.knowprose.com/node/17505
* http://slinfo.deine-domain.cc/phpbb/viewtopic.php?t=4304
Viele haben mich getröstet und ermuntert, nicht aufzugeben. Und ja, es gibt bereits eine SL Gruppe, die sich dem Kampf gegen die so genannten Landbots verschrieben hat: SL ANTIBOT ALLIANCE. Zu den Mitgliedern zählen einige der Big Player im Land-Geschäft wie Sarah Nerd (übrigens eine sehr nette Dame!).
Nicht so Informierte würden vorschlagen: “Setz doch das Land einfach auf Autoreturn”, dann werden alle Bots automatisch von deinem Land gejagt und können keinen Schaden anrichten. Das greift hier nicht. Die Landbots treten als Avatare auf. Dann bann sie doch! Auch das ist schwierig, weil es wegen Linden Labs großzügiger “Jeder darf umsonst sein Unwesen in SL treiben”-Politik ein Leichtes ist, beliebig viele neue Avatare mit anderem Namen zu erstellen. Das Schlimme ist, dass diese Avatar-Bots extrem schnell sind. Selbst, wenn du in der Sekunde, in der du dein Land auf “for sale” setzt, bemerkst, dass du einen Fehler gemacht hast, ist der Bot schneller, als du auf “cancel” drücken kannst.
Es gibt auch Berichte, dass dieser “cancel” sogar in der Art bestätigt war, dass das Land nicht mehr auf “for sale” stand, der Bot aber trotzdem NOCH schneller war. Dein Client zeigt also eine bereits veraltete Information an.
Zur Folge hat das Ganze, dass ich keine Mainland-Parzellen mehr für 6600 L$ anbieten kann, denn ich muss den Verlust von 1400 bis 2000 USD wieder ausgleichen. Wenn das noch öfter passiert, dann werden die Landpreise nicht nach unten gehen, sondern im Gegenteil wieder ansteigen.
Ich kann nur jedem, der mit Land handelt, raten, extrem auf der Hut zu sein! Es kann jeden treffen! Wenn ihr darüber hinaus euer Einkommen als Selbständiger oder gar als RL Unternehmen mit Land-Geschäften in SL bestreitet: solange Linden Lab sich derart unprofessionell aufstellt, würde ich das Risiko nicht bereit sein einzugehen! Lasst die Finger von SL, es ist viel zu riskant! Schaut euch die Sache gelassen an und wartet ab, bis eine professionelle Firma endlich eine stabile, performante und vor allem sichere virtuelle Internet-Welt implementiert. SL ist es derzeit jedenfalls definitiv nicht!
Von Linden Lab erwarte ich mir erstens, dass solche feindlichen Landübernahmen in Zukunft nicht mehr möglich sind, zweitens, dass sie mir zumindest meinen Verlust von 1400 USD sofort auf mein SL-Konto gutschreiben. Eine zweite Option wäre, mir eine Hälfte eines weiteren neuen Sims kostenlos zu überlassen.
Wenn jemand von der deutschen Presse hier mitlesen sollte und das in einem Artikel verarbeiten möchte: Ja, ich bin gerne bereit, darüber zu reden und weitere Informationen zu liefern.
Sollte ein Jurist mitlesen: ja, ich bin auch gerne bereit, gegen Linden Lab zu streiten.
Nachträge:
14.04.2007: Michael Linden schickt mir eine E-Mail, dass mein Abuse Report bearbeitet und gelöst wurde. Es klingt sehr nach einer automatisierten E-Mail, denn irgendwelche Deatils sind der E-Mail nicht zu entnehmen. Lediglich ein Verweis auf den Police Blotter …. aber dort finde ich nirgend einen Eintrag, der auf Bietschhorn, mich oder Landbaron Merlin referenziert. Daher habe ich bei Michael Linden noch mal per E-Mail nachgehakt, ob er nicht mit ein paar weiteren Details herausrücken könnte.
20.04.2007: Das Thema ist in der SL Bild-Zeitung, dem Avastar in seiner englischen Ausgabe 18 aufs Titelblatt gekommen. Und hier noch die deutsche Ausgabe.
24.04.2007: Bisher bekannte Landbot Besitzer sind Elanthius Flagstaff (nutzt Landbot, ist aber kooperativ im Falle von Fehlverkäufen), Paper Olivier (ist ein Betrüger).
Die Landbots selber heißen Landbaron Merlin, Landbot Hax, Landbot Zorr.
17.05.2007: Ich erhalte erneut eine E-Mail von Michael Linden mit der Information, dass mein Abuse Report bearbeitet worden sei, und natürlich mit dem Hinweis auf den Police-Blotter, wo ich aber auch diesmal nichts über meinen Fall finde.
29.09.2007: Und heute ist es wieder mal passiert. Ich habe gerade begonnen, einzelne 512 m2 Parzellen auf Broken Creek einzuteilen, denn ich möchte jetzt mein gesamtes Mainland verkaufen, nachdem LL nun überall noch die Mehrwertsteuer von 19% draufschlägt. Ich habe eine Parzelle markiert und für 5000 L$ zum Verkauf markiert. Bestätigt … und dann bekam ich auch schon 5000 L$ bezahlt. Da ich noch mehrere andere Stücke für den Preis im Angebot hatte, dachte ich zunächst, dass jemand eben irgendwo anders ein Stück gekauft hätte. Als ich dann das nächste Stück von der Restfläche von 15.360 m2 abtrennen wollte, stellte ich fest, dass das gesamte Land nicht mehr mir gehörte. Also hatte wieder ein Landbot zugeschlagen und einen Fehler ausgenutzt. Keine Ahnung, wieso das große Stück für 5000 L$ in den Verkauf ging. ich war mir absolut sicher, dass ich das abgetrennte zum Bearbeiten markiert hatte. Naja … trotzdem wollte ich nicht gleich aufgeben, sondern wenigstens den neuen Besitzer ansprechen. Dabei handelte es sich um die Gruppe “Voomland” mit “Kerry Crabe” und “Instant Voom”. Kerry kam dann auch gleich vorbei. Beide sind sehr lieb und waren sofort bereit, mir das Land zurückzugeben. Sie erwähnten auch, dass Landbaron Merlin nun unter dem Namen Celene Ballinger sein Unwesen treibt. Also Vorsicht! Er ist immer noch aktiv!
Alle Angaben mache ich ohne Gewähr. Bitte informiert mich, wenn ihr weitere Informationen dazu findet.